Habe ich ein schlechtes Gedächtnis?

"Es liegt mir auf der Zunge". Was genau passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir uns erinnern wollen? Und können wir es unterstützen, uns schnell und gut an etwas zu erinnern. Vor allem an Gelerntes zu erinnern?

Das Erinnern


Die Entschlüsselung der Inhalte unseres Gedächtnisses erfolgt nach der Bedeutung der Inhalte. Das heißt, je vertrauter das Material und je besser die Organisation, umso besser werden die Informationen behalten und vor allem erinnert.


Oftmals erinnert man sich eher an den Inhalt oder den Sinn eines gehörten Satzes als an den tatsächlichen Wortlaut. Ein Phänomen, das vor allem Korrektoren von Prüfungen immer wieder feststellen dürfen: wenn Prüflinge nicht den Sinn des gelernten Stoffes verstanden, sondern diesen repetitiv auswendig gelernt haben. Diese versuchen dann verzweifelt, den vollständigen Satz wiederzugeben. Haben wir den Inhalt und Bedeutung eines Satzes nicht verstanden, lässt er sich kaum zu einer erinnerbaren Informationseinheit organisieren und kann daher nur sehr schwer gemerkt werden. Aneinander gereihte Worte lassen sich am leichtesten speichern, wenn diese zuerst in eine sinnvolle Struktur gebracht werden.

Noch besser speichert das Gedächtnis Informationen, wenn sie inhaltlich hoch emotional sind. Denn Emotionen drücken Bedeutungen und Bewertungen aus. Wiederholungen funktionieren auch deshalb so gut, weil der Vorgang durch die Vorbereitung und die Organisation mit mehr Bedeutung versehen wird.

Eine der effektivsten Formen der Entschlüsselung von Gelerntem ist die bildhafte Vorstellung. Sicherlich, weil sie sowohl für verbale als auch für visuelle Erinnerungen gleichzeitig Codes bereitstellt. An Wörter erinnert man sich, indem man sie mit Vorstellungsbildern assoziiert. Und dabei gilt: je lebhafter und merkwürdiger (=würdig gemerkt zu werden), desto besser.

Neue Informationen werden leichter gelernt, wenn man auch die Einzelheiten der Begleitumstände der Lernsituation einspeichert (=Kontextlernen). Wenn Sie eine Information nicht erinnern können, versetzen Sie sich z.B. an den Ort an dem Sie gelernt haben zurück und können sich dann erinnern. Ein Test bringt hervor, dass Taucher Material, das sie unter Wasser gelernt hatten, besser wiedergeben konnten, wenn sie unter Wasser getestet wurden. Selbst dann, wenn das Material selbst nichts mit Tauchen oder Wasser zu tun hatte. Diese Kontextabhängigkeit ist ein Grund dafür, dass es für viele Menschen nicht sinnvoll ist, in lauter Umgebung zu lernen (z.B. mit Radio oder an einem öffentlichen Ort), wenn man in einem stillen Raum geprüft wird. Das ist aber auch abhängig davon, was für ein Lerntyp Sie sind.

Der Abruf von Wissen wird auch dann immer leichter sein, wenn es keine großen Unterschiede im physischen oder psychischen Zustand beim Lernen und beim Abruf des Gelernten gibt.

So können Alkoholiker Verhaltensweisen, die sie unter Alkohol gelernt haben (wie z.B. selbstbewusstes Verhalten oder bestimmte sexuelle Aktivitäten) besser wieder unter Alkohol aktivieren als nüchtern. Menschen die an Depressionen leiden können in ihren traurigen Phasen kaum die glücklichen Zeiten ihres Lebens (z.B. ihrer Partnerschaft) nicht erinnern auch, wenn es diese nachweisbar gegeben hat.
Das „Wiederfinden" von Erinnerungen im episodischen Gedächtnis ist häufig eine Rekonstruktion. Das bedeutet, dass es sich um einen konstruktiven Prozess und nicht um einen Prozess des mechanischen Aufzeichnens handelt. Das zu Erinnernde wird beim Erinnern oftmals durch das Ausfüllen von Lücken nach dem Prinzip der größten Wahrscheinlichkeit, Hinzufügen von Einzelheiten zur Vervollständigung, Veränderungen des Inhaltes nach den jeweiligen Gefühlen und Motiven, etc. erweitert. Es handelt sich um konstruktive Gedächtnisprozesse.

Bei konstruktiven Gedächtnisprozessen spielen Schemata eine wichtige Rolle, also kognitive Strukturen, die aus vergangenen Erfahrungen aufgebaut wurden und Erwartungen und einen Interpretationskontext für neue Erfahrungen bereitstellen. Folglich beeinflussen sie, woran man sich erinnert.
Wir neigen dazu, neue Informationen in das bereits Bekannte einzuordnen. Beim Erinnern kommt es oftmals zu Verzerrungen. Das resultiert daraus, dass wir neue Informationen aufgrund bereits existierender Schemata interpretiert werden.

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