Lernen: Verstehen, was beim Lernen in Ihrem Gehirn passiert

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir lernen? Welche Gehirnhälfte ist für welche Fähigkeiten zuständig? Wie können wir diese Erkenntnisse für das Lernen nutzen?

Die beiden Gehirnhälften

Unser Gehirn ist ähnlich einer Walnuss aufgebaut. Es besteht aus zwei Hälften, die über ein Nervenbündel, das so genannte „corpus callosum", miteinander verbunden sind. Bei der Untersuchung von Patienten, denen zur Epilepsie-Behandlung das corpus callosum durchtrennt wurde, glaubte der Neurobiologe Prof. Dr. Roger Sperry in den 60er Jahren herausgefunden zu haben, dass beide Gehirnhälften unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Die linke Gehirnhälfte ist für analytische Tätigkeiten zuständig. Sie fühlt sich wohl bei der Bearbeitung von linearen Sequenzen. In dieser Hälfte werden Informationen digital, und somit eine nach der anderen, verarbeitet. Zeit spielt für diese Gehirnhälfte daher eine große Rolle. Auch Sprache hat Ihren urtümlichen Sitz in der linken Hemisphäre unseres Gehirns. Akademische Fertigkeiten, auf die in Schule und Ausbildung der Schwerpunkt gelegt wird, fördern hauptsächlich dieses linkshirnige Denken. Durch die Fokussierung auf die einzelnen Bestandteile erkennt die linke Gehirnhälfte zeitweise den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.


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Für die rechte Gehirnhälfte spielen dagegen Zeit, Linearität und Sprache keine Rolle. Hier ist das räumliche Denken verankert. Fantasie, Kreativität und Bilder bestimmen das rechtshirnige Denken. Informationen werden analog verarbeitet. Das Gesamtbild ist entscheidend, nicht das einzelne Detail. Die rechte Gehirnhälfte sieht jedoch zeitweise die einzelnen Bäume vor lauter Wald nicht mehr.

Für seine Forschungsergebnisse erhielt Prof. Sperry 1981 den Nobelpreis für Medizin. Jedoch ist diese vereinfachte Aufteilung des Denkens auf die beiden Gehirnhälften nicht uneingeschränkt haltbar. Unser Gehirn besteht vielmehr aus sehr vielen Zentren. Es gibt nicht nur diese beiden Pole des Denkens, sondern unendlich viele Zwischenstufen. Jede Gehirnhälfte kann Aufgaben der anderen Hälfte übernehmen. Es gibt Personen, denen eine Gehirnhälfte operativ entfernt werden musste. Die verbleibende Gehirnhälfte hat in diesen Fällen die Aufgaben der entfernten Gehirnhälfte übernommen.


Dennoch eignet sich diese Zweiteilung ausgezeichnet als Modell. Denn diese beiden Endpole des menschlichen Denkens gibt es in der Tat. Daher wird auf das Hemisphärenmodell auch heutzutage immer noch zurückgegriffen, um komplexe Vorgänge in unserem Gehirn vereinfacht darzustellen und begreifbar zu machen. Wenn wir innerhalb unserer Seminare, Bücher oder dieses Lerntipps-Blog von linkshirnigem Denken bzw. von der linken Gehirnhälfte sprechen, nehmen wir daher Bezug auf das analytische, sequentielle Denken. Die rechte Gehirnhälfte steht für das kreative, fantasievolle, räumliche, bildhafte Denken. Für ein optimales Lesen und Lernen müssen die Fertigkeiten beider Gehirnhälften kombiniert werden. Nur dann werden Sie Ihr volles Potential bei der Aufnahme von Informationen ausschöpfen. Nur dann wird Ihr Lesen den größten Nutzen bringen.

Übung / Aufgabe:

Richten Sie Ihren Blick einmal weg vom Buch in Ihre Umgebung. Realisieren Sie, wie viele Informationen Ihr Gehirn in einer Sekunde erhält. Der visuelle Kanal vermittelt Ihrem Gehirn die meisten Informationen. Sie können unter anderem über eine Million Farben unterscheiden. Blicken Sie nun bitte wieder in ein Buch oder auf den Bildschirm. Es ist eine gewaltige Umstellung für Ihr Gehirn, nur ein Wort nach dem anderen vorgesetzt zu bekommen.


Kein Computer wird jemals die komplexen Denkvorgänge Ihres Gehirns simulieren können, und dennoch füttern wir unser Gehirn mit nur einem Wort nach dem anderen. Viele Lesesäle in Bibliotheken gleichen daher eher Schlafsälen. Gerne lässt man sich während des Lesens durch einen Blick aus dem Fenster ablenken. Es ist ein Hauptanliegen dieses Buches, diesen mächtigen visuellen Kanal gezielt in den Leseprozess einzubeziehen.

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