Warum vergesse ich Gelerntes so schnell?

Oftmals haben wir das Gefühl, gegen das ständige Vergessen anzukämpfen. Gerade in der Prüfungsvorbreitung macht einem diese Tatsache sehr zu schaffen. Was genau geht vor sich, wenn unser Gehirn bereits gelernte Informationen einfach zu löschen oder zu überschreiben scheint. Oder Gelerntes zu verstecken scheint? Und was können wir tun, um einmal gelernte Informationen wirklich parat zu haben?

Das Lernen sowie die Verarbeitung unbekannter Informationen basieren darauf, dass Nervenzellen neue Verbindungen miteinander eingehen.


Liefern wir unserem Gehirn eine Information, für die es noch keinen Verarbeitungsweg gibt, wachsen von der entsprechenden Nervenzelle feine Fortsätze auf die Nachbarzellen zu. An deren Ende bildet sich dann eine Kontaktstelle, die Synapse. Über die Synapsen tauschen die Zellen ihre Informationen aus. Wenn eine Information nur selten gebraucht wird, vergessen wir sie allmählich und der Kontakt zwischen den zwei Zellen, also die Synapse, löst sich wieder auf.

Auch, wenn das Vergessen uns im Alltag oftmals als hinderlich erscheint, so ist es die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Gedächtnisses. Unser Gedächtnis sammelt nicht wie ein digitaler Speicher eines Computers Informationen. Unser Gedächtnis interpretiert und bewertet Informationen, sodass unwichtige und schlechte Dinge der Vergangenheit aus jeder Rückschau ausgeblendet werden.

Die kleinen Vergesslichkeiten des Alltags resultieren aber auch durch zwei konkurrierende Gehirnprozesse: bei sich häufig wiederholenden Abläufen, z.B. dem Weg zur Arbeit, schaltet das Gehirn auf "Autopilot". Wenn Sie sich vorgenommen haben auf dem Weg zur Arbeit noch zur Reinigung zu fahren, kann das schon mal in Vergessenheit geraten. Studien ergaben, dass die Gehirnprozesse zu den beiden Vorhaben in verschiedenen Hirnregionen stattfinden und im Wettbewerb zueinander stehen. Was aber passiert im Gehirn, wenn wir vergessen? Diesbezüglich gibt es zwei Theorien:

Eine Theorie besagt, dass die Gedächtnisspur mit der Zeit verblasst und verschwindet. Aber wie genau dies vonstatten geht, ist noch nicht geklärt.

Die zweite Theorie besagt, dass wir vergessen, indem neue oder aktuelle Eindrücke die alten Gedächtnisspuren überlagern. Aufgrund dieses Vorgangs wird der Zugriff auf die alten Erinnerungen erschwert. Dabei werden verschiedene Perspektiven auf das zu Erinnernde unterschieden:

Die retroaktive Interferenz ist rückwärtsgerichtet, d.h., später Erlerntes stört früher Erlerntes. Je größer die Ähnlichkeit zwischen zwei Arten von Gedächtnismaterial ist, umso größer ist die Interferenz zwischen ihnen beim Lernen bzw. der Erinnerung.
Die proaktive Interferenz ist vorwärtsgerichtet, früher Gelerntes stört später zu Lernendes.

Manchmal misslingt der Abruf einer Information. Man kann sich einfach nicht erinnern, hat aber das Gefühl „ganz nah dran zu sein". Die Information ist nicht mehr zu finden, hat man den Kontext der Speicherung vergessen. Daher rührt auch das Sprichwort "Etwas auf der Zunge haben". Das bedeutet, dass der Abrufreiz zumindest momentan nicht zugänglich ist.

Auch gibt es die Möglichkeit, dass die Information aus irgendeinem Grund vor dem Bewusstsein verborgen wird. Gründe dafür können z.B. Angst, Schuldgefühl, Abneigung oder Ablehnung einer Person oder. Sache sein. Hier spricht man dann vom motivierten Vergessen.

Die Theorie von der Überlagerung oder Störungen durch neue Informationen scheint das Vergessen besser zu erklären. Demnach vergessen wir bestimmte Ereignisse und Dinge, da sie von interessanteren, wichtigeren Dingen überlagert werden. Das heißt, dass das Vergessen in den meisten Fällen ein "Verlernen" durch neu hinzukommende, aktuellere Inhalte ist. Wichtig ist auch, dass das Verlernen ist eine Fähigkeit ist, die für ein Individuum lebensnotwendig ist. Tiere würden sonst immer wieder an die gleiche Futterstelle zurückkehren in der Hoffnung, dort auch dieses Mal Futter zu finden. Sie würden sich nicht auf die Suche nach einer neuen Futterstelle machen.

Welche Auswirkungen hat Stress auf das Vergessen?
Oftmals hat man das Gefühl, dass die meisten Menschen einen ständigen Kampf gegen das Vergessen führen: Namen, Telefonnummern, Geburtsdaten - man erinnert sich einfach nicht und sagt, dass das Gedächtnis nicht zu verlässig ist. Doch es gibt einen ganz einfachen Grund für diese Vergesslichkeit: unsere Lebensweise. Der größte Risikofaktor für die Vergesslichkeit ist Stress. Wenn Sie andauernd zu viele neue Eindrücke aufnehmen und abspeichern müssen, sind Sie anfällig er dafür, einiges wieder zu vergessen.

Es gibt eine weitere Ursache für den Erinnerungsverlust. Eine zu hohe Konzentration des Stresshormons Cortisol schädigt (nach bisheriger Meinung) die Nervenzellen im Gehirn. Vom Hypothalamus (einer bestimmte Gehirnregien) geht die Produktion des Stresshormons Cortisol aus. Ein Botenstoff signalisiert der Nebenniere, Cortisol auszuschütten. Dieses Stresshormon hat eine wichtige Aufgabe: in einer Gefahrensituation bereitet es den Körper darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen. Damit es nicht zum Dauerstress kommt, wirkt das Stresshormon auf den Hypothalamus zurück und stoppt damit seine eigene Produktion.

Bei Menschen mit Depressionen funktioniert dieser Mechanismus leider nicht. Hier reagiert der Hypothalamus nicht mehr auf das Cortisol. Die Folge: Immer mehr Cortisol im Gehirn und das bedeutet Dauerstress. Dieser Dauerstress hat wiederum negative Auswirkungen auf das Gedächtnis.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie haben in einem Versuch mit Mäusen gezeigt, dass Stress vergesslich macht. Durch einen gentechnischen Eingriff ist im Gehirn der Mäuse die Stressregulation ausgefallen. Dadurch wurden die Mäuse extrem vergesslich. Das bewiesen die Wissenschaftler mit Hilfe eines Gedächtnistests. Ein rundes Becken wurde mit Wasser gefüllt und eine Plattform an eine ganz bestimmte Stelle gestellt. Normale Mäuse erinnerten sich nach einigen Trainingsrunden daran, wo die Plattform war - sie schwammen sofort darauf zu. Die operierten Mäuse reagierten anders: Auch nach vielen Übungsrunden fanden sie die Plattform höchstens zufällig.

Neben depressiven Menschen, haben auch Marathon-Läufer erhöhte Stresswerte. So soll die ständige körperliche Belastung vor allem bei alten Leuten dafür sorgen, dass der Cortisolspiegel höher als normal ist. Diese älteren Läufer schnitten bei entsprechenden Tests deutlich schlechter ab als Vergleichspersonen.

Noch eine gute Nachricht für alle „Lecker-Mäulchen" und Genießer: Eine interessante Studie des Londoner Neuropsychologen Neil Martin zeigte die Wirkung verschiedener Düfte, insbesondere von Schokolade, auf die Gehirnaktivität des Menschen. Möglicherweise kann durch Riechen an bestimmten Aromastoffen die Gedächtnisleistung beeinflusst werden.

Akademie Grüning

Aktuelle Einträge

Schließen