Die Problematik des Wort für Wort lesens

Warum Sie beim "herkömmlichen Lesen" oftmals Probleme haben, den Inhalt zu verstehen und das Lesen, wie wir es in der Schule gelernt haben, eher hinderlich ist. Über das "Wort für Wort Lesen"...

Das „Wort für Wort Lesen" bringt einige Probleme mit sich.
Zum einen begrenzen Sie sich erheblich in Ihrer Lesegeschwindigkeit. Untersuchungen im Leselabor haben ergeben, dass die Fixationszeiten, also die Zeiten, die Sie mit Ihren Augen auf einem Wort verharren, im Durchschnitt ¼ Sekunde betragen. Die Sprünge zwischen den Fixationen dauern dagegen nur Millisekunden, so dass man diese Zeiten bei der Berechnung vernachlässigen kann. Pro ¼ Sekunde lesen Sie somit ein Wort. Das bedeutet, dass Sie in einer Sekunde 4 Wörter und in einer Minute 240 Wörter lesen können.


Die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit in der Bevölkerung liegt aber bei nur 215 Wörtern pro Minute, also etwas unter dem berechneten Wert. Das hat seine Ursache in weiteren Problemen, die beim Lesen auftreten und noch erläutert werden. Die Begrenzung der Geschwindigkeit ist nicht das Hauptproblem. Viel schwerer wiegen die Einschränkungen, die Sie Ihrem Verständnis damit auferlegen.


Nehmen wir an, Ihre Augen fixieren zunächst das Wort „Ein". Dieses Wort alleine wird Ihnen keinen Sinn vermitteln. Ihre Augen springen nun zum nächsten Wort und Ihr Gehirn erkennt dieses als „kleiner". Wieder kein Verständnis. Vielmehr müssen Sie die Bedeutung dieses zweiten Wortes zu der Bedeutung des ersten Wortes hinzuaddieren. Was sich so einfach anhört, erfordert Millionen von chemischen Reaktionen in Ihrem Gehirn. Ermüdende Rechenarbeit, ohne dass sich Verständnis einstellen kann. Ihre Augen springen nun zum nächsten Wort „grüner". Noch immer kein Verständnis. Weitere Millionen chemischer Reaktionen. Erneut ermüdende Rechenarbeit ohne erkennbaren Nutzen. Ihre linke Gehirnhälfte, die Daten linear, digital und analytisch verarbeitet, ist mit anstrengender Rechenarbeit beschäftigt. Ihre rechte Gehirnhälfte, die ständig Bilder benötigt, bekommt dagegen keine Impulse. „Ein kleiner grüner" ergibt noch kein Bild. Dies ist umso schlimmer, als Bilder der eigentlichen Sprache des Gehirns am nächsten kommen.


Versuchen Sie zum Beispiel, jemandem aus Afrika das Naturereignis „Schnee" nur mit Worten zu erklären. Sie müssen zunächst eine fremde Sprache erlernen. Haben Sie diese Hürde überwunden, stellen Sie unter Umständen resigniert fest, dass in diesem Stammesdialekt keine beschreibenden Wörter für Schnee vorhanden sind, da es Schnee in diesen Breitengraden, zumindest seit Erfindung der Sprache, noch nicht gegeben hat. Ein Foto von Schnee ist dagegen für das Gehirn viel einfacher zu erfassen. Idealerweise haben Sie Schnee in einer Tiefkühltruhe bei sich. Neben dem Sehen können Sie auf diese Weise auch die anderen vier Sprachen des Gehirns, nämlich das Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen einsetzen. Langsam müssen Sie aufpassen, vor lauter Rechenarbeit den Anfang des Satzes nicht zu vergessen. Bei drei Wörtern bereitet das noch keine Probleme. Wenn ein Autor jedoch in verschachtelten Sätzen schreibt und das entscheidende Verb bis zum Ende des Satzes auf sich warten lässt, laufen Sie Gefahr, den Anfang wieder zu vergessen. Mit dem nächsten Blicksprung entziffern Sie aber endlich das Wort „Apfel". Nach weiteren Millionen chemischer Reaktionen kann Ihr Gehirn dem Lesevorgang endlich einen Sinn entnehmen: „Ein kleiner grüner Apfel". Nun ist es Ihnen möglich, das Bild eines kleinen grünen Apfels in Bruchteilen einer Sekunde vor dem inneren Auge entstehen zu lassen.

Akademie Grüning

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